Das Konzept vom Chemo-Brain ist widerlegt

Das Konzept vom Chemobrain ist  widerlegt - Krebs-Stress führt zu kognitiven Störungen

Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sind bei Krebspatienten ein häufiges Phänomen. Schuld daran ist wohl weniger die Chemotherapie als vielmehr die psychische Belastung, der die Patienten nach der Diagnose ausgesetzt sind.

 

Nach einer Chemotherapie berichten viele Krebspatienten über Probleme mit dem Gedächtnis, mit der Wortflüssigkeit und der Konzentration. Diese kognitiven Störungen werden subjektiv oft als dramatisch erlebt, so Dr. Kerstin Hermelink, München, auf dem ASORS-Jahreskongress. Auch in neuropsychologischen Tests ließen sich Defizite messen, wenngleich diese objektiven Befunde meist nur minimal seien.

Die Ursache für diese Diskrepanz, vermutet die Psychoonkologin, liege darin, dass die geschilderten Probleme möglicherweise „gar nicht mit neuropsychologisch messbaren Auffälligkeiten zusammenhängen“. Sie seien vielmehr ein Ausdruck von Angst und Depression.

 

Posttraumatischer Stress durch Krebsdiagnose

„Kognitive Fähigkeiten“, so Hermelink, „sind sehr vulnerabel“. Die Krebsdiagnose bedeute für die Patienten oft eine erhebliche psychische Belastung, welche in posttraumatischem Stress resultieren könne. Hinzu kämen häufig Depressionen, Schlafstörungen und Fatigue – alles Faktoren, welche die kognitive Funktion beeinträchtigen können. Nicht zuletzt fehle den Patienten aufgrund ihres langfristigen Krankenstatus oft auch das geistige Training.

Der vielfach verwendete Begriff des „Chemobrain“ ist der Expertin zufolge völlig unzutreffend. Die Hypothese, dass die Chemotherapie die „Hauptschuld“ an den beschriebenen Problemen trage, sei mittlerweile durch mehrere Längsschnittstudien widerlegt. Darin habe sich gezeigt, dass die Störungen bereits vor Beginn der Chemo vorhanden waren.

 

In einer eigenen Studie haben Hermelink und ihr Team Brustkrebspatientinnen vor Beginn einer Chemotherapie einem Go-/No-Go-Test am Computer unterzogen. Den Patientinnen unterliefen dabei etwas, aber nicht signifikant mehr Fehler als einer Kontrollgruppe ohne Krebsdiagnose. Posttraumatischer Stress war jedoch bei den Patientinnen signifikant erhöht und per se deutlich mit Fehlern assoziiert.

 

Für die Expertin hat die psychoonkologische Abklärung und Beratung, ggf. unter Einbeziehung einer kognitiven Therapie, Priorität. Dabei müsse individuell geschaut werden, was dahintersteckt. „Nach überstandener Therapie haben viele Patienten zu hohe Erwartungen an sich selbst“, so Hermelink.  Dabei sei die Krankheitsverarbeitung noch lange nicht vorbei.

Für die Rückkehr in den Beruf, so Hermelink, spielt das „Chemobrain“ jedenfalls keine Rolle, und auch das Demenzrisiko ist nicht erhöht, weder durch die Chemo noch durch die Krebserkrankung.

basierend auf: Hermelink K: Kognitive Störungen unter Chemotherapie. Gibt es ein Chemobrain? 5. ASORS-Jahrestagung, München, 31. März bis 1. April 2017